Seit eh und je und sowieso schon immer beisse ich meine Nägel kurz. Nicht so schlimm, dass sie wehtun, aber immer so, dass ich mich für sie schäme. Ich hab alles probiert, von bitterem Nagellack bis zu Handschuhen hat nie etwas so wirklich richtig nachhaltig geholfen.
Heute dann stieg ich fünf Stufen in einen Hauseingang hinab und fragte, ob es vielleicht in den nächsten Tagen einen Termin für mich geben könnt, ich würde gerne Nägel bekommen. Ich strecke meine Hände vor mich und zeigte der Dame meine Fingernägel. „Schrecklich. Setz dich da hin, wir machen dich schön“ sagt sie.
Ich setze mich. „Andere würden zahlen für so Hände, schöne Hände hast du, warum machst du das?“
Ich darf mir aus mehr als 500 verschiedenen eine Farbe aussuchen, ich wähle ein dunkles Blau. „ich brauch eine Stunde, willst du einen Kaffee oder willst du Nichts?“. Ich antowrte, dass ich nichts wolle und bedanke mich. Dann wird gefeilt, geklebt, lackiert und ausgehärtet. „Ich hab Jungfrau Nägel“ verkündet die Dame zu ihrer Kollegin und diese nickt. Sie erklärt, dass meine Nägel noch so dünn seien und eben die einer „Gelnagel-Jungfrau“.
„kürzer, etwas noch – noch ein wenig kürzer, hmm so kurz wie es geht“ bitte ich.
Es ist eine besondere Situation.
Mir war als Kind Nagellack verboten worden. Auch das Tragen von Leggins ohne Rock drüber, Bauchfreie T-shirts, Barbies, Disney, Haarssträhnen, Lipglos, Glitzerturnschuhe die auch ein wenig Rollerblades sind, Jogginhosen, Pizza direkt aus dem Karton essen, den einfachen Weg gehen.
Wenn Arbeiterkinder Akademiker*innen werden, dann müssen deren Kinder Klavierunterricht nehmen, Lesen, Wetterfest gekleidet sein und am Tisch sitzen bis aufgegessen wurde.
Da gibt es dann (unterbewusst) immer die Sorge als Hochstapler*in erkannt zu werden. Entlarvt zu werden, alle Scheinwerfer auf uns, wir habens doch nicht geschafft.
S’war doch nur ein Märchen, die soziale Durchlässigkeit.
„Enttarnt, du bist nicht einer von uns!“
Wenn ich aber nun beginne Muster zu brechen, dann darf es auch dieses sein. Dann erlaube ich mit Gelnägel und höre Popmusik. Ich muss nichts beweisen. Auch das ist vielleicht irgendwo Traumatherapie.
Hier ein Popsong und ein Blogbeitrag über die doch so „aussergewöhnlichen Zeiten“ und die richtigen Fragen an die Kunst
https://open.spotify.com/intl-de/track/0b0Dz0Gi86SVdBxYeiQcCP?si=04159fbc17834a46

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