Wunschkind



literatur und trauma
skizzen einer k-ptbs

𓆝 𓆞 𓆟 𓆝 𓆞 𓆟
Ich bin keine Fachperson, sonder hoffe hier einen kleinen Echoraum für Erlebtes, Geschriebenes und Gedanken zu Gelesenem zu schaffen.

werther und das vergleichen


„O was ist der Mensch, dass er über sich klagen darf!“ – Die Leiden des jungen Werther – Am 4. Mai 1771′

Ich bereite mich gründlich auf meine mündliche Abschlussprüfung in Deutsch vor.
Weil ich mich nicht enttäuschen will und auch weil es mich tatsächlich gepackt hat. Dieses Buch. Man man man.
Meine gescheiteste Freundin las vor zwei Jahren dasselbe zu ihrem Abschluss und meinte damals zu mir „Das musst du auch lesen. Ich dachte es gib niemanden der so dramatisch und voll bis zum Rand mit Gefühlen sein kann wie du, aber Werther, der kommt nah dran“
Da hat sie nicht gelogen.

Aber eigentlich ist das nicht das Thema.
Ich wollte über Vergleichen schreiben.
Der gesamte Plot ist ja, Werther lernt eine Frau kennen aber sie ist bereits einem anderen versprochen und heiratet diesen dann auch. Werther hält den Liebeskummer nicht aus und (Achtung Spoiler!) nimmt sich das Leben.
So weit so gut.
Beim lesen denke ich immer wieder wie übertrieben seine Gefühle sind, er ist für mich „too much“, alles völlig überspitzt, na komm, das bisschen Liebeskummer…

„so sehr kanns ja nicht weh tun.“ denke ich.
Da will ich kurz bremsen. „so sehr kanns ja nicht weh tun.“

Wie viele Male ich diesen Satz gedacht habe – über andere, über mich selbst, über das, was ich fühle und was ich angeblich nicht fühlen darf. Das ist anstrengend. Das tut mir weh.

Ich habe mir so oft selbst eingeredet, dass ich übertreibe. Dass andere doch Schlimmeres erlebt haben. Dass das, was mir gerade so weh tut eigentlich keine grosse Sache ist.
Und ich glaube, ich bin nicht allein damit.
Es ist ein seltsamer Reflex, Schmerz in Kategorien einzuordnen, als wäre er irgendwie messbar.
Als könnte man ein Lineal anlegen und sagen: 
Du darfst leiden, du nicht.

Aber das funktioniert nicht.
Weil es keine Tabelle für Schmerz gibt.
Das wollte ich geschwind sagen, mehr so für mich.

Werther, so übertrieben er wirken mag, ist ja doch in sich so wahnsinnig „relatable“, früher wie Heute.
Ich lese ihn im selben Buch das meine Mutter zu ihrem Abitur gelesen hat 1989, sie unterstrich damals dieselben Sätze die auch ich heute markieren will. Ob es meinem Bruder 2019 gefallen hat weiss ich nicht, er hat nur Kritzeleien an den Rand geschmiert. Ich hab mit gelbem Buntstift markiert und’s ins Regal gestellt. Frag mich ob man es vielleicht 2050 noch lesen wird, meine Kinder oder so.

@Werther, du würdes Big Thief lieben. Hör mal rein.
https://open.spotify.com/intl-de/track/7lrhugjSbiImrNSLIFIq0c?si=207443a4552a4672

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