Abends wird die Luft wieder leichter, besonders nach dem grossen Regen.
Ich bin leider mitten hinein geraten, Haare, Schuhe, Pullover, nass.
Mich nervt Bernhard Schlink und ohne ihm oder Schirach oder Kleist oder Schulze zu nahe treten zu wollen, geschweige denn mich zu trauen sie zu kritisieren, möchte ich doch sagen: zu viele Juristen werden Autoren.
Und versteht mich nicht falsch, die Bücher sind gut, richtig gut sogar.
Aber mich wurmt das moralische Dilemma. Ich wünsche mir Geschichten, in denen gute Menschen gute Dinge tun und böse Menschen schlechte Dinge. Geschichten, die einfach sind. Nicht simpel, sondern klar. Ohne Grauzonen, ohne Schuldverstrickung.
Ich will bis aufs Blut böse Täter mit nichts Gutem an sich und unschuldige, liebenswürdige und starke Opfer.
So und hätte das irgendjemand anderes geschrieben, ausser ich selbst gerade, dann wär ich ziemlich wütend.
In Justiz, Medien oder auch in unserem Alltag wird oft ein bestimmtes Bild davon gezeichnet, wie sich ein Opfer verhalten soll:
- ruhig, aber emotional betroffen
- ohne „Fehlverhalten“ in der Vorgeschichte
- sofort sprechbereit, aber nicht aufdringlich
- ohne Widersprüche
- mit nachvollziehbaren Emotionen, traurig aber doch gefasst
- angepasst, dankbar, einfach
Menschen, die traumatisiert sind etwa durch psychische und physische Gewalt, sexualisierte Übergriffe, Krieg oder Missbrauch entsprechen diesem Bild oft nicht.
Wir können wütend, verwirrt, widersprüchlich, selbstzerstörerisch oder „seltsam“ wirken. Wir können sogar, Achtung: nicht nur „gute Menschen“ sein.
Und genau das wird uns dann zum Nachteil:
– “Warum hat sie sich nicht gewehrt?”
– “Er hat sich ja gar nicht so verhalten, als sei ihm etwas Schlimmes passiert.”
– “Sie war schon immer ziemlich auffällig.”
Viele Opfer werden erst dann anerkannt, wenn sie so auftreten, wie es die Gesellschaft bequem findet.
Und das ist richtig scheisse, und richtig anstrengend.
(darüber wie dass durch unsere neoliberale Gesellschaft nochmal so richtig befeuert wird schreib ich jetzt nicht, ein andern Mal)
Mega tolles Buch zum selben Thema ist
Perfect Victims: The Politics of Appeal von Mohammed El-Kurd.
Das empfehle ich ganz besonders.
In diesem Essay kritisiert El-Kurd die westliche und mediale Erwartung, dass unterdrückte oder marginalisierte Gruppen nur dann Mitgefühl und Unterstützung erhalten, wenn sie sich als „perfekte Opfer“ präsentieren. Das betrifft besonders Palästinenser*innen, aber auch andere Gruppen wie Geflüchtete, Schwarze Menschen oder queere Personen.
Es geht hier nicht in erster Linie um Trauma, aber in diesem Fall finde ich, erkennt man klare Parallelen.
Die bis aufs Blut bösen Täter wünsch ich mir in meinem Fall trotzdem.
Dann wär das wütend-sein einfacher.
Aber man kann nicht immer Alles haben.

hi, schreib doch gerne hier einen kommentar <3