Wunschkind



literatur und trauma
skizzen einer k-ptbs

𓆝 𓆞 𓆟 𓆝 𓆞 𓆟
Ich bin keine Fachperson, sonder hoffe hier einen kleinen Echoraum für Erlebtes, Geschriebenes und Gedanken zu Gelesenem zu schaffen.

jagoda, ich vermiss dich


Früh am Morgen pflanze ich Zucchini um. Sie sind für ihr altes Beet zu gross geworden, brauchten mehr Platz und mehr Sonne.
Ich bin aus meinem ersten Urlaub nur mit Freundinnen zurück gekommen und habe meinen Schulabschluss gefeiert.
Viel Grosses ist passiert und alles verbunden mit vielen Gefühlen.
Ich war sehr stolz, sehr ängstlich, sehr traurig, sehr erfüllt, sehr verbunden, sehr wütend.
All das in einer Woche ist viel und ich merke, ich brauche jetzt Ruhe.
Ich brauche Struktur und viel Zeit für mich.
Ich möchte lesen, schreiben, schwimmen gehen und einmal tief durchatmen.

Ich bin halb Kroatin und habe als Kind einige Sommer in Kroatien verbracht.
Jetzt kommen wir mit dem Bus im Ferienort an. Ich steige aus und es riecht nach Meer.
Ich war seit 7 Jahren nicht mehr an einem warmen Meer gewesen.
Ich seh meinen Vater mir Schwimmflügel anziehen, mir eine Taucherbrille aufsetzten, „Achtung, dort am Stein sitzen zwei kleine Seeigel“.

Ich schüttel die Schultern aus und bestell mit guten Freundinnen einen Kaffee.
Ich lass das Gefühl irgendwo in die Nähe des Bauchnabels sich zurückziehen und langsam kleiner werden.

Es kommt in diesen Ferien immer wieder auf. In Kroatien gibt es Erdbeer-Kaubonbons, Wasser von der Marke „Jana“, Maslac Butter und Domaćica Kekse mit Schokoladenseite.
Alles riecht trocken, erdig und nach Pinienwäldern.

Als ich nach einem Tag dort merke, wie alles noch immer gleich ist überkommt mich etwas Angst. Ich frage mich wann die Flashbacks beginnen werden, wie lange es noch dauern wird bis ich das alles nicht mehr nur wahrnehme sondern auch richtig spüre.
Es kommt gar nicht.
Stattdessen passiert mir etwas Neues.
Ich vermisse meinen Vater. Obwohl seine Nähe oft Unsicherheit bedeutet hat. Obwohl ich viele Jahre gebraucht habe, um passende Worte für das zu finden, was war.

Und doch gibt es anscheinend da einen Teil in mir, der sich nach ihm sehnt oder nach dem, was er hätte sein können. Ich erinnere mich an seine Stimme, an Momente von Wärme, an Geschichten, die er mir erzählte, an viel Lachen und viel Bewunderung.

Es ist wohl eben nicht so, dass sich etwas einfach löst, nur weil es wehgetan hat.
Ich habe das Gefühl besonders in Kindheiten voller Gewalt sind Bindungen oft komplex (alles immer komplex hier…) und verwoben mit Angst, Hoffnung und einem tiefen Wunsch nach Liebe. Studien wie die von Dvir et al. (2014) zeigen, dass das Idealbild einer Bezugsperson oft trotz allem überlebt und nicht aus Naivität, sondern als Schutz vor einem emotionalem Bruch.

Aber ich möchte eigentlich keine Studien zitieren sondern ehrlich sein.

Ich weiss das alles. Ich lese, verstehe, erkläre mir selbst, warum es so ist. Und doch ich kämpfe noch damit, das in mir zu akzeptieren. Aber ich beginne zu begreifen: Diese Ambivalenz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen davon, wie sehr ich versucht habe zu lieben selbst unter widrigsten Bedingungen. Und auch einfach sehr natürlich und normal. Das darf sein.

Das kann man cheesy und übertrieben finden, gibt mir aber gerade halt.

Vielleicht geht es nicht darum, diese widersprüchlichen Gefühle aufzulösen, sondern ihnen Raum zu geben. Zu lernen, dass beides nebeneinander stehen darf: das Vermissen und das Wissen um das, was war. Es darf auch einfach weh tun, das ist okay.

Hier die Erdbeer-Kaubonons, ihr könnt sie ungeniert und ohne Vorbelastung mal probieren. Sie schmecken sehr künstlich und sehr köstlich.


Dvir, Y., Ford, J. D., Hill, M., & Frazier, J. A. (2014). Childhood maltreatment, emotional dysregulation, and psychiatric comorbidities. Harvard Review of Psychiatry, 22(3), 149–161.

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