Wunschkind



literatur und trauma
skizzen einer k-ptbs

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Ich bin keine Fachperson, sonder hoffe hier einen kleinen Echoraum für Erlebtes, Geschriebenes und Gedanken zu Gelesenem zu schaffen.

aktualitäten, zurück in den flow

Draussen scheint wieder die Sonne und meine Nachbarn haben ihren Tesla gegen einen Polestar getauscht, die Welt ist wieder in Ordnung, alles fügt sich, alles nimmt seinen Lauf.

In meinen Entwürfen warten verschiedenste Beiträge. Zu den Epstein Akten, welche nun mittlerweile medial wieder völlig verschwunden sind. Vielleicht also doch noch postenswert.
Ein anderer zu Esstörungen, Faschismus und Paris.
Ich befand mich während der letzten Monate in einem Bewerbungsprozess an einer Kunsthochschule für den Bachelor im Bereich des literarischen Schreibens.
Die Nervosität nahm mir kurzzeitig die Luft zum weiter Schreiben.
Ich wurde angenommen. Das ist ziemlich gross und speziell und ich befinde mich in dem erträglicher Zustand der Verzweifelung, den man Glück nennt.

Auch stand ich ein wenig ratlos vor der Frage, mit welcher legitimation ich diesen selbstbespiegelden, um mich kreisenden, öligen corny Trauma-Blog betreibe.
Ich hab irgendwie kurzfristig eine Antwort gefunden:
Wenn wir die Kraft haben, ehrlich über das zu sprechen, was wir erlebt haben, und auch unsere dunkelsten Momente sichtbar machen, sie vielleicht sogar manchmal in den Fokus setzen, schaffen wir damit Raum für andere, genau dasselbe zu tun.

Es ist nicht unsere Pflicht, aber indem wir thematisieren, was uns passiert ist, nehmen wir andere Menschen mit, oft ohne es zu merken. By speaking truth to what has happened to us, we are uplifting another person unintentionally.

Wir geben anderen einen Rahmen, in dem sie ihre Trauer verarbeiten können. Einen Container für Erfahrungen die sonst nirgendwo sicher aufgehoben sind. 
Wir können helfen Worte in das Vakuum zu füllen mit welchem so viele alleine sind. Sprache als Schlüssel sich ein wenig lösen zu können. Szenen mit eigenen Worten be- und dann über-schreiben zu können, das ist schonmal ein wenig Macht zurückgewinnen. 

Und das ist etwas Besonderes, ich mag gerne meinen Teil tun. Oder?

Ich mag einige Ausschnitte aus meinem jetzt angenommenen Dossier teilen. Das wird man wohl noch dürfen…

Zuerst geschwind Aktualitäten:
Ich habe meine Grossmutter verloren.
Ich sag im Alltag die gleichen Sätze wie mein Vater. Im Café zum Beispiel: „Kein Stress, ich hab ja Wochenende“ oder an der Kasse „Naaaaaiiin keine Tüte, es gibt schon genug Plastik auf der Welt“.
Ich habe mir eine sündig teure Handtasche und sündig teuer Ballerinas gekauft.
Ich bin absolut Social Media abhängig.
Ich habe mich auf 62 Jobs beworben und keinen bekommen.
Ich habe in den letzen zwei Wochen mehrfach geglaubt wirklich den Verstand verloren zu haben.
Ich habe tatsächlich aufgehört meine Nägel zu beissen.
Ich habe im Familienurlaub mehrfach laut geschrien.
Ich bin jeden Tag überrascht, wie man sich immer wieder neu und immer wieder mehr verlieben kann.

Welche Schuhe trägt man diesen Sommer? Frohen Mai. Frohe Zeit. xoxo


Wäre er eine Zecke, er würde sich in Herrn Horaks Augenbrauen einnisten, denkt er. Die Art, in welcher sich die Haare kreuz und quer überlagern, ineinander verhaken und aufeinanderstapeln, lädt förmlich dazu ein, durch sie hindurchzukriechen. «Danke», er klatscht auf die Schenkel, «hat auch wieder kein Ende genommen, der Vormittag, was?»
Heute brachte Horak Kirschplunder mit.
«Keine Sahne, ja?» «Keine Sahne.»

Hinter der Wäscherei standen zwei grüne Plastikstühle und ein Aschenbecher vom Grabbeltisch. Er hat ihn vor dreieinhalb Monaten extra neu gekauft. Der alte war vom Frost in zwei Teile zersprungen.
Es war tagelang Glatteis gewesen, und dann war noch der Aschenbecher zersprungen.

Es ist Dienstag, wie jeden Tag.
Er arbeitet seit vierzehn Jahren in der Wäscherei. Seit fünf jetzt an der Muldenmangel. Das konnte er gut. Jeden Tag um viertel vor drei isst er mit Herrn Horak etwas vom Bäcker. Meistens kleine Teilchen, manchmal Blechkuchen. Um drei glättet er wieder Hemden. Meist dauert es nicht ganz einen Tag, bis ein abgegebenes Hemd gewaschen, geglättet und in einer Schutzhülle aus Plastik aufgehängt, bereit zum Wiederabholen ist.
Er, an der Muldenmangel, bekommt fast nur Bettwäsche und Tischtücher. Er geht mit ihnen achtsam um, glättet jede Falte, streicht über feine blaue Streifen und Nähte.

Die Kirschplunder sind trocken. Horak entschuldigt sich und drückt und dreht seinen Finger tief in das Teilchen hinein. Fühlt es aus und stellt fest: «Muss mindestens von gestern sein.» Sein Finger wandert zum Mund, er leckt sich Puderzucker, Kirschmarmelade und Blätterteigreste vom Zeigefinger und streicht diesen dann an der Hose ab. Horak hinterlässt klebrige Striemen.

Er steckt sich eine Zigarette an, beteuert, ihm schmecken sie ganz hervorragend. Mit der Zigarette im Mundwinkel giesst er beiden Kaffee nach. «Oben ist heute Fastnacht», sagt er und sieht Horak an. Horak nimmt ihm die Zigarette aus dem Mund, zieht daran und antwortet nicht.


Ich verbrachte den Hitzesommer 2015 mit Schwimmen. Der Vater meiner Nachbarinnen fuhr uns früh morgens an den See, damit wir einen Parkplatz bekamen, und wir blieben bis zum Abendessen dort. Jedes Mal liefen wir um die Wette, um zu sehen, wer von uns zuerst im Wasser sein würde. Wir waren schon im Badeanzug losgefahren, jetzt, rennend über den kühlen Kieselstrand, schubsten wir uns. Während wir schwammen, legte er Decken aus, Frottiertücher und Fritzkola. Es wurde uns nie langweilig, obwohl er uns in den Sommerferien jeden Tag hinfuhr. Zehen und Fingerkuppen wurden immer wieder ganz schrumpelig. Drü wildi Müüs mit Wiibeerii-Finger.

Dann stellte er sich auf die Kiesel. Der Vater stand da und sah sich ähnlich.

Hinter dem Steg, weiter draussen gab es ganze Fischschwärme. Kleine Fische, die sich von Kinderhänden nicht packen liessen, schnell, silbern, seiden.

Ich hob runde Kiesel auf, um den Quappen in meinen Fäusten ein Haus einzurichten. Oft legte ich mir einen Stein, zwei Blätter, drei, vier Brotkrumen in die offenen Hände und hoffte, dass ein Fisch vielleicht einziehen würde. Ich stellte mich still in den See und bewegte mich nicht mehr. Hörte, um ja keinen abzuschrecken, fast auf zu atmen.

Ich wünschte mir, dass alle ein Zuhause haben. Ich fühlte mich dafür verantwortlich. Der Vater meiner Nachbarinnen hält mir einen Wunschstein unter die Nase. Ich soll daran riechen, und dann hätte ich einen Wunsch frei.
Er ist nass, und in der Mitte durchteilt ihn ein weisses Band.

Ich presse seine kalte Oberfläche gegen meine Haut, rieche den grasigen Geruch der Algen. Ich werfe ihn ins Wasser zurück und wünschte mir, dass ein Fisch in meine Handinnenflächenwohnung einziehen würde und bleibt.

Oft assen wir mit den schrumpeligen Fingern salzige Pommes frites. Ich fütterte ihren Hund mit sauber geleckten Pommes, und er legte dafür einen Kopf auf meine nackten Füsse.
Der Vater meiner Nachbarinnen war Künstler. Er zeichnete den Hund, die nackten Füsse, mich und seine Töchter am See. Er nannte das Bild «D Meitli und de Bipo».

Auf der Heimfahrt schlafen wir auf dem Rücksitz ein, den Kopf gegen das Fenster gelehnt. Zuhause wusch ich mir nie den See aus den Haaren, sondern ging direkt ins Bett. Ich wollte ja nichts vergessen.

Später, als wir schon viele Jahre keinen Kontakt mehr haben, beschuldigt meine Nachbarin ihren Vater, sie ihre gesamte Kindheit über sexuell missbraucht zu haben. Ich sage aus, erzähle von diesem Sommer am See. Erinnere mich daran, oft keinen Badeanzug getragen zu haben. Erinnere mich auch an Unbeschwertheit.

Ich zweifle an meiner Wahrnehmung. Hat er uns aufgefordert, nackt zu baden? Ich erinnere mich an keinen Übergriff. Versuche alles zu rekonstruieren, hinterfrage jedes Eis am Stiel, jedes über den Sand an den Strand Tragen auf den Schultern.
Alles verfärbt sich. Wie Wasserfarben verlaufen Dinge ineinander, und ich kann Erinnerung von Anschuldigung, Erlebtes von Gehörtem nicht mehr unterscheiden.
Ich sage über vier Stunden aus, verhasple mich und merke beim Unterschreiben meiner Zeugenaussage, auf jeder Seite unten links, wie ich jeden Satz nochmals anders sagen müsste.



PS: Die Sonne ist wieder da, es kann wieder Lana del Rey gehört werden ungeniert. Das Risiko auf daraus resultierende Depressionen muss mindestens um 80% gesunken sein. The Blackest Day anschalten, oder Heroin. Nur so, als public service announcement. xxx

hi, schreib doch gerne hier einen kommentar <3