Wunschkind



literatur und trauma
skizzen einer k-ptbs

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Ich bin keine Fachperson, sonder hoffe hier einen kleinen Echoraum für Erlebtes, Geschriebenes und Gedanken zu Gelesenem zu schaffen.

frau dr. streit, darf ich so?


Meine Mutter sollte eigentlich Marco heißen. Dann nannte die Nachbarin, Frau Wagner, ihren Sohn Marco. Zwei Wochen vor der Geburt meiner Mutter.
Aus Trotz wurde sie eine Frau.

Frau Wagner wohnt unter meiner Großmutter und lebt mit einem Säufer zusammen. Ihr Wellensittich sagt den ganzen Tag denselben Satz:
Heini süpp. Heini süpp. Heini säuft.

Frau Wagner hat bereits eine ältere Tochter: Ruth. Eine Freundin meiner Oma. Sie führt die Kneipe „Klose“, in der meine Oma selbst trinkt.
Ruth, meine Oma und ihr gemeinsamer Freund Herr Maßbaum.

Zur gleichen Zeit kündigt Frau Dr. Streit (kein Witz, der Name ist echt) ihren Job im Marienhospital, weil dort, auch noch in den Achtzigern, nur Männer befördert werden. Sie ist patent.
Sie eröffnet eine Hausarztpraxis in der Dodesheide.
Einmal um die Ecke von der Kneipe Klose.

Sie wird unsere Hausärztin werden. Sogar mein Vater wird später mit einem Husten zu ihr gehen, der ihn seit Monaten plagt.

Niemand kann mir sagen, wie sie sich kennengelernt haben. Aber nach kurzer Zeit heiratet Frau Dr. Streit den versoffenen Herrn Maßbaum.
Sie nimmt einen Doppelnamen an:
Frau Dr. Christa Streit-Maßbaum.
Es ist ein Affront, das Quartier ist tatsächlich empört.

All das erfahre ich beim Frühstück und weiss nicht recht wie ich die Geschichte verordnen soll. Dass alle Trinker sind sei mal so dahin gestellt…
Dass ich mich damit nicht wohl fühle ist nach wie vor gegeben.
Es zeigte sich gerade erst nochmal erstaunlich deutlich und peinlich:
Here goes nothing, ich erzähl die peinliche Story:

Eine alte Freundin ist Schauspielerin, schon ein Leben lang.
Nun studiert sies auch noch.
Wir sehen mehr in einander als viele andere und weil hier, wie so oft, minus und minus plus gibt, fallen Mauern und wir sehen einander als weiche Wesen.
Sie sagt, ich sei immer zu von einer Ruhe umgeben.
Das sagt mir sonst niemand, also mag ich sie gern. 😉
Sie spielt viel, schaut wenig, und sagt mir, mich umgebe eine tiefe Ruhe.

Sie feiert Geburtstag. Ich komme fashionably early weil ich gerne früh schlafe.
Es findet in einem Schuppen statt, der ein Freiraum ist. anarchistisch verlebtes Bahnhofsgebäude. Ihr könnt es euch vorstellen.
Andere Partygäste konsumieren offen Verschiedenstes und ich stolpere über meine prüde Ader, die gerade, gartenschlauchdick sich auf dem Fussboden ausbreitet
Ich gratuliere und verschwinde indem ich durchs Toiletten Fenster aussteige nach etwa 5 Minuten.

Ich habe ein massiv schlechtes Gewissen.
Mich wurmt: Warum habe ich mich unwohl gefühlt?
Und vorallem: Was sagt es über mich, dass ich mich unwohl gefühlt habe?

Schliesslich verbringe ich nicht wenig Zeit damit, Bücher zu lesen, in denen Menschen, die so wie ich mich heute präsentiert habe, mehr als kritisch betrachtet werden. Menschen, die genügend Sicherheit besitzen, um sich radikale Gesellschaftsentwürfe leisten zu können ohne sie auszuleben. Menschen, die Kapitalismuskritik als intellektuelle Beschäftigung betreiben und deren grösstes persönliches Risiko darin besteht, sich manchmal beim Brunchen über Avocado-Toast ein wenig zu blamieren vor den an der UBS arbeitenden Freundinnen.
Hab ich also keinen Rückgrad wenn ich die erste Feier, die mich mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert, sofort verlasse?
Bin ich viel Schnabel und wenig dahinter?

Was wenn meine politische Haltung bloss ein luxuriöses Hobby ist. Ein ästhetischer Geschmack. Andere sammeln gelbe Badeenten und Shotgläser mit Brüsten, ich sammle Gesellschaftstheorien. Die eigentliche Prüfung findet halt dann nicht im Lesen statt, sondern in der Begegnung mit Räumen, die nicht durch massiv teure Preise im Café und soziale Codes komplett durchkuratiert sind.

Vielleicht aber reproduziere ich gerade jene Klischees, die ich überwinden möchte? Vielleicht ist die Vorstellung, ich müsse mich in diesem Milieu zuhause fühlen, um ja nicht elitär zu sein, selbst eine Form von Elitarismus. Eine exotisierende Sehnsucht nach dem »Rohen«, dem »Unverfälschten«, dem »Echten«. Dem abgerockten, punkigen, echten Leben ohne schiss vor Dosenbier.
Als würde irgendwo eine ursprünglichere, richtige, freie Form des Menschseins warten, zu der ich als privilegiertes Töchterlein keinen Zugang habe.

Dass es verschiedene Lebensrealitäten gibt ist klar. Dass ich sehr privilegiert bin auch.

Trotzdem bleibt die Frage bestehen, weil sie unangenehm ist: Warum fühle ich mich denn nicht wohl wenn konsumiert wird? Ist das elitär? Ist das prüde und bin ich voller Vorurteile und eine miese fiese verzogene Prinzessin?

Ich weiss es nicht und kann es nicht sagen.
Ich glaube aber, dass wie so oft der Respekt der Schlüssen sein könnte.
Da wo lines gezogen werden muss ich nicht sein, ich muss auch keinen joint rauchen, wenn ich mich nicht danach fühle.
Nur muss ich mir immer wieder auf die Finger schauen und den anderen in die Augen. Ich mag nicht werten und ich mag mich nie überheblich verhalten.
(vergebt mir, es wird immer schleimiger, hier spricht der demeter, handerlesene rote Traubensaft von meinem bourgeoisen designer Schreibtisch;)

Ob gehen überheblich ist, ist mir unklar. Ob ich daran arbeiten muss auch. Es werden ganz bestimmt klassistische und elitäre Grundgefühle sein, die mich heim schicken…
Ich bin mir schonwieder unsicher, man könnte sich schliesslich auch offen und freundlich dazu setzen.

Ob meine gossip-lustige, trink-affine, judgy Arbeiter*innen Herkunft irgendwas zur Sache tut ist nicht klar.
Nature, Nurture… wer weiss.

Ich starte ein neues Projekt.
Sommertagebuch. Jeden Tag babababa von mir, weil ich es nicht lassen kann alles in die Welt heraus zu posaunen und mich selbst sooo freaking wichtig nehme.
Schöner gesagt und weniger „mich-selbst-durch-den-kakao-ziehend“ (das passt meiner Therapeutin nicht) dann eher um eine Schreibroutine aufzubauen fürs Studium (im literarischen Schreiben AAAAAAAA warte immer noch auf das „sorry war leider ein Fehler Sie waren eigentlich klar auf dem abgelehnt Stapel“-Telefon… mal sehen)

Schlaft gut. xoxo




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