Wunschkind


literatur, familiengeschichte, alltag, autorin-sein

Wenn man die Welt durch offene Augen betrachtet, gibt es viel zu Schreiben. Wenn man dann noch sarkastisch und ein bisschen verkünstelt traumatisiert das ganze rosa glasiert, hört der Spass eigentlich nie auf.

und so be it. absprung.

Meine Grossmutter war die Einzige ihrer sechs Geschwister, die nie eine Ausbildung gemacht hat. Nach der 8. Klasse arbeitet sie als Haushälterin für einen Arzt mit drei Söhnen in der Nachbarschaft.
Bald wird sie gekündigt.
Alle sind ratlos.
Was soll aus Margret werden?

Meine Uroma verkauft drei Übertöpfe aus Ton und kauft davon einen grossen Lederkoffer. Für Margret wird gepackt. Man hat ihr einen Job als Zimmermädchen auf Norderney besorgt.
Das ist eine grosse Chance. Onkel Walter wird später sagen, es war die einzige.

Es gibt kein Telefon, und eine Postkarte von Norderney kommt auch nie.
Zehn Tage später klingelt es. Margret ist wieder da. Steht auf der Fussmatte und wird bis zum Tod ihrer Mutter niemals wieder ausziehen.
Der Grund: Aus Norderney gibt es nur Bratkartoffeln.
Es hat ihr nicht geschmeckt.
Sie hatte Heimweh. Es war so gross, dass es nicht auszuhalten war.

30 Jahre später schliesst meine Mutter ihr Studium in Germanistik, Anglistik und Psychologie ab. Sie wird Lehrerin.
Es ist Zeit fürs Referendariat.
Sie muss ans Marianum Gymnasium in Meppen.
Sie bekommt ein Zimmer in der schönsten WG. Alle ihre Freundinnen und ihr neuer Freund richten es gemeinsam ein, streichen die Wände und hängen Fotos auf.
Meine Mama wird keine einzige Nacht bleiben.
Um 13:00 Uhr nach ihrem ersten Schultag bricht sie in Tränen aus.
Sie ist so alleine. Ins Auto und heim.
Eine Woche pendelt sie jeden Abend nach Hause, dann schmeisst sie das Referendariat hin. Entsetzen und Kopfschütteln. Es war ein Platz, von dem viele geträumt hätten.
Sie zieht wieder nach Hause.
Tante Uschi fordert ihr neues, zum Einzug verschenktes, ostfriesisches Teeservice zurück.

Ich sitze im Zug in die Unistadt. Mein Zimmer dort ist bereit. Und schön.
Es ist eingerichtet. Es ist angerichtet.
Es muss losgehen.

Ich werde heute meine erste Nacht dort übernachten. Ich werde bleiben.
Und ja, das ist scary. Wie zieht man aus? Ich weiss es nicht.
Ich kann nicht meine Mama fragen.
Meine Oma ist tot.

Von hier an blind.
You can not outrun what’s in your chest, aber du kannst es mitnehmen und mal schauen, was es an einem anderen Ort so treibt.
Margret, Mama, wir gehen los!!! Ich bin nicht allein.

Jetzt Kommode ausbauen, Postkarte an den Kühlschrank und cleansing jelly in den Spiegelschrank im Bad.
Und wenns schiefgeht, nicht so schlimm. Dann wird rekalibriert.

xoxo!!!

hi, schreib doch gerne hier einen kommentar <3